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Deus Ex R2

17. Januar 2016

Filmkritik: Star Wars – Das Erwachen der Macht

Spoilerwarnung!
Die gesamte Handlung des Films wird in dieser Kritik wiedergegeben. Ich rate dazu den Film vor dem Lesen dieser Rezension zu schauen.

Am 17.12.2015 war es endlich soweit – die lang erwartete, und mit ebenso vielen Befürchtungen wie Hoffnungen überhäufte Episode 7 kam in die deutschen Kinos. Viele Erwartungen haben Regisseur JJ Abrams und Writer Lawrence Kasdan erfüllen können – nur eine eigene Geschichte haben sie im Film leider vergessen.

Episode VII setzt ca. 30 Jahre nach Vernichtung des 2. Todessterns(1) an, JJ Abrams beginnt 30 Jahre davor.
Das Imperium ist zerfallen, verschiedene Splittergruppen versuchen die Oberhand in der Galaxis zu erlangen, darunter auch die Erste Ordnung. Geleitet vom Obersten Anführer Snoke setzt die Erste Ordnung auf Gewalt und Zerstörung beim Ausführen ihrer Pläne, und zeigt dabei wenig Rücksicht auf Verluste.
Die früheren Rebellen haben die alte Republik wieder aufleben lassen. Heimlich unterstützt die Republik jedoch eine Organisation die sich „Der Widerstand“ nennt und unter Führung von Leia Organa die Erste Ordnung bekämpft.

Was vertraut klingt, sieht auch vertraut aus. Der Einsatz von CGI bei Kämpfen und Explosionen ist im Vergleich zu den Episoden I-III stark begrenzt, statt rein animierter Alienspezies sehen wir hier detailverliebt gearbeitete Kostüme und Performance Capture(2), wo man an animierten Figuren nicht vorbeikam. Das Gefühl des fernen, aber durchaus glaubwürdigen Star Wars Universums wurde gut getroffen, und lenkt ab davon, dass die Geschichte sich wiederholt.

(1) Dank des Sieges in der „Schlacht von Endor“ kann die Rebellenallianz den Todesstern zerstören.
(2) Performance Capture ist eine Variante des Motion Capture Verfahrens, bei dem Bewegungen so aufgezeichnet werden dass sie für Computer lesbar und z.B. auf 3-D Modelle anwendbar werden. Mimik und Gestik können so sehr realitätsnah dargestellt werden.

Luke Skywalkers Versuch einen neuen Jedi-Orden aufzubauen, ist gescheitert, nachdem sein Schüler Ben Solo sich der dunklen Seite der Macht anschloss. Seitdem lebt Luke im Exil, niemand weiß wohin er sich zurück gezogen hat. Ben Solo, der Sohn von Han Solo und Leia Organa, nennt sich seither Kylo Ren und sucht nach seinem alten Meister, um ihn zu töten. Auch der Widerstand versucht, Skywalker zu finden, um die Chancen im Kampf gegen die Erste Ordnung zu verbessern. Poe Dameron, ein Pilot des Widerstandes, gelangt in den Besitz eines Kartenfragments das den Weg zu Lukes Aufenthaltsort weisen soll. Poe wird jedoch von Kylo Ren erwischt, kurz nachdem er das Kartenfragment in seinem Droiden BB-8 versteckt und diesen fortgeschickt hat. Dem Droiden gelingt die Flucht vor der Ersten Ordnung, und er wird von der Schrottsammlerin Rey gefunden. Mit dem desertierten Sturmtruppler Finn entkommen die drei vom Planeten Jakku, und treffen auf Han Solo und Chewbacca. Gemeinsam wollen sie die Karte zur Basis des Widerstandes bringen, werden jedoch von der Ersten Ordnung entdeckt und attackiert. Rey wird von dieser, unter Kylo Ren, gefangen genommen. Han, Chewbacca und Finn entkommen mit dem Kartenfragment.

Die neuen Charaktere die Abrams und Kasdan einbringen wirken zwar nicht alle von Beginn an schlüssig(3), bringen jedoch auch die notwendige Portion Zweifel und Unsicherheit mit, die man von jemandem der die Macht nur aus Geschichten kennt erwarten würde.

Die Erste Ordnung greift die Republik an, indem sie deren Regierungssitz samt Planeten mithilfe einer neuen Waffe, der sogenannten Starkiller-Basis(4) zerstört.
Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass hier kein neuer Star Wars Teil gezeigt wird – sondern bloß die Geschichte der Episoden IV neu verfilmt wurde. Spektakulär neu verfilmt zwar, aber die Spannung ebbt ab, sobald einem bewusst wird dass man bereits weiß wie es weitergehen wird.

Der Widerstand, der sich bereits auf der Liste der nächsten Ziele weiß, plant die Zerstörung der Starkiller-Basis. Bei der Infiltration der Basis durch Han, Chewbacca und Finn treffen sie auf die entflohene Rey und auf Kylo Ren. Han wird bei dem Versuch seinen Sohn nach Hause zu holen von selbigem getötet.
Während Kylo Ren von Rey in einem Laserschwertgefecht geschlagen wird, gelingt es den Piloten des Widerstandes, die Starkiller-Basis zu zerstören. Rey, Finn und Chewbacca gelingt rechtzeitig die Flucht. In der Basis des Widerstandes entschlüsseln sie die Karte und finden Luke Skywalker.

(3) Wieso sollte eine immer mit dem Hunger kämpfende Schrottsammlerin lieber einen Droiden behalten mit dem sie selbst nichts anfangen kann als ihn gewinnbringend zu verkaufen und endlich mal wieder satt zu sein?
(4) Todesstern 3.0

Es ist traurig, dass sich die Geschichte mühelos derart herunterbrechen lässt, aber besonders im letzten Drittel des Films fällt auf, dass selbst, wenn man Episode VII wohlmeinend als Neuauflage der Episode IV verstehen möchte, etwas essentielles fehlt – die Herausforderung. Ab dem Moment, wo vom Widerstand der grandiose Plan zur Zerstörung der Starkiller-Basis gefasst wird („Wir gehen rein, schalten die Schilde ab und zerstören die Basis“ freies Zitat), wirkt die gesamte Ausführung des Plans nur noch wie ein verlängerter Spaziergang. Um in die verschiedenen Ebenen der Starkiller-Basis zu gelangen braucht es keinerlei Identitätsnachweis oder Zugangscode. Um einen hochrangigen Sturmtruppler zu zwingen die Schutzschilde der gesamten Basis zu deaktivieren braucht es nicht einmal Folter. (Was ist aus der guten alten Indoktrination geworden? Bringt man Leuten im Militär nicht normalerweise bei nicht gleich alles zu tun was jemand mit einer Waffe in der Hand sagt wenn Staatsgeheimnisse oder ultimative Geheimwaffen auf dem Spiel stehen?) Während des gesamten Beschusses der Basis hat niemand auch nur eine Sekunde lang die Idee, die Schilde wieder zu aktivieren? Und selbst der Tod von Han Solo geht völlig unter in den Ereignissen, von denen das einzig bewegende die Rettung von Finn und Rey durch Chewbacca ist, nachdem Rey Kylo Ren bezwungen hat.

Den meisten Kritikern scheint der altbekannte Handlungsstrang (eine Person die ihre Familie verloren hat und allein in der Wüste lebt, stellt fest, dass sie die Macht in sich trägt, unterstützt die Rebellion, hilft die Superwaffe des bösen Regimes zu zerstören und strebt eine Jedi-Ausbildung an) nur wenig auszumachen.

So schreibt z.B. Peter Travers am 16.12.2015 im Rolling Stone: „It’s everything the kid in us goes to the movies for — marvelous adventure that leaves us surprised, scared and euphoric. “

Auch Justing Chang vom Variety Magazin (16.12.2015) stimmte in diesen Lobgesang mit ein: „J. J. Abrams‘ hugely anticipated blockbuster brings welcome jolts of energy, warmth and Excitement back to the biggest franchise in movie history.“

Sogar Peter Bradshaw vom The Guardian (16.12.2015) ist spürbar überzeugt von Episode 7: „JJ Abrams banishes memories of George Lucas’s prequels with this outrageously exciting and romantic return to a world you hadn’t realised you’d missed so much.“

Allen Dreien möchte ich an dieser Stelle heftig widersprechen. Erstens hab ich immer gewusst wie sehr mir Star Wars fehlt (nämlich gar nicht, es gehört glücklicherweise zu meinem Alltag), zweitens ist an diesem Film bis auf die geringe Anzahl an Wischblenden(5) rein gar nichts überraschend(6) und drittens ist die Art von Aufregung die mir der Film eingebracht hat leider nicht unbedingt die, die ich mir von ihm gewünscht hätte.

(5) Ich habe stolze drei Stück gezählt.
(6) Na ja vielleicht noch die peinlich simple Auflösung des Kartenproblems am Ende.

Etwas anders als seine drei Kollegen sieht das Daniel Pook von Golem.de (16.12.2015): „“Echte Sets. Practical Effects“, mit diesem Versprechen zum Beginn eines Making-of-Trailers ließ Luke-Skywalker-Darsteller Mark Hamill vor ein paar Monaten die ohnehin schon hohen Erwartungen an die siebte Star-Wars-Episode noch größer werden. Klassische Handarbeit sollte endlich wiederndie Drehs mit Darstellern in grünen und blauen Räumen ersetzen – ganz nachndem Vorbild der Originalfilme. Und Regisseur J.J. Abrams hat Wort gehalten. Dass der Film trotzdem enttäuscht, liegt an der Handlung.“

Auch Matthias Halbig von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung
(16.12.2015) ist skeptischer: „Das sind nur einige Déjà vus von vielen. Es ist einem, als hätten Abrams und sein Ko-Autor Lawrence Kasdan die ersten drei „Star Wars“-Filme in die Luft geworfen und die Scherben neu zusammengeklebt.“

Die Userkommentare auf den verschiedenen Filmplattformen lesen sich zwar in der Überzahl positiv, kritische Stimmen bleiben jedoch nicht aus. So schrieb z.B. User „TheRanch“ in den Kommentaren zur Kritik auf Filmstarts.de (01.01.2016): „Ich verstehe nicht, wie dieser Film derartig gute Bewertungen erhalten konnte. Beziehungsweise… ich verstehe es schon. Der Film wird und wurde einfach von Leuten bewertet, die [nicht] wissen was Star Wars ist. Die die Filme vielleicht mal gesehen haben. Vor ein paar Jahren.
Die wissen wer Luke ist. Die wissen wer Yoda ist. Die wissen, dass Harrison Ford da mal mitgespielt hat. Die schauen sich diesen Film an, sehen die Effekte, hören die drolligen Dialoge, finden es klasse, dass die alten Schauspieler wieder mit dabei sind. Sehen wie die Guten am Ende wieder siegen. Ein Happy End. 4/5. 9/10. Das ist der Großteil. Nur die wenigsten wissen, welche Farbe Mace Windus Lichtschwert hat. Wer überhaupt Mace Windu ist. (…) Was für einer Rasse Darth Maul angehört. Dass es Jedi-Meister Sifo-Dyas war, der die Erschaffung einer Klonarmee in Auftrag gab. Dass die zotteligen Lastentiere auf Tatooine Banthas heißen.“

Etwas anders sieht das User „Deathworld“ in seiner Kritik auf Filmstarts.de (17.12.2016): „Star Wars – Das Erwachen der Macht bietet alles was ein richtiger Star Wars Fan sich wünscht. Eine tolle Story, großartige Effekte, gute Schauspieler, spektakuläre Action, Nostalgie und das gewisse Star Wars feeling. 1. Eine tolle Story: Damit meine ich nicht, das die Story so atemberaubend ist sondern, dass es JJ Abrams gelingt den Handlungsbogen von EP6 glaubhaft weiterzuführen. Dies sehe ich als große Glanzleistung. 2. Großartige Effekte Man sieht dem Film seine Produktionskosten von ca. 200 Millionen Dollar an, niemals sind die Effekte schlecht animiert. Außerdem gefällt mir besonders, dass JJ keinen overkill praktiziert, sondern auch echte Settings und Masken präsentiert. Das gibt dem Film eine dreckige Note, was wiederum dazu führt, dass es zu EP6 passt. 3. Gute Schauspieler Allen voran Harrison Ford. Er ist Han Solo und lebt diesen. Außerdem wirkt (Schauspielerisch) es als wären keine 35 Jahre vergangen, Harrison Ford macht einfach dort weiter wo er in EP6 aufgehört hat. Gegen diese Leistung kommen die Neulinge natürlich nicht an, sie schaffen es aber eigenständige Charaktere zu kreieren. Besonders die Leistung von Kylo Ren Spoiler: möchte ich aber noch hervorheben, er spielt einen komplett anderen Bösewicht als es Darth Vader war und besonders seine Auftritte ohne Maske gefallen mir sehr. 4. spektakuläre Action Auch die Action kommt nicht zu kurz und fällt durchgehend spektakulär aus. 5. Nostalgie und das gewisse Star Wars feeling Die Nostalgie sprüht nur so in diesem Film und das feeling der EP4 – 6 wird meines Erachtens erreicht. Besonders eine Szene mit Han Solo und Kylo Ren Spoiler: ist sehr dramatisch und bei der letzten Szene Spoiler: des Films bekommt man als richtiger Star Wars Fan eine Gänsehaut.“

Auch wenn den meisten Kritikern die Schwachstelle des Films, die nicht vorhandene eigene Geschichte, durchaus auffällt, bremst das die wenigsten in ihrer Euphorie. Mich leider schon. Auch ich bin mit großen Erwartungen und noch größeren Befürchtungen ins Kino gegangen, aber mich konnte der Film nicht befriedigen. Ich halte es für Augenwischerei, „Remake“ zu sagen, anstatt zuzugeben dass Episode 7 nichts anderes ist als eine simple Kopie der Episode 4, welche hauptsächlich durch ihre optische Schönheit und die manchmal schon etwas zu epischen Walkürenritte von John Williams punkten kann. Die technische Umsetzung bekommt von mir ein gern ausgesprochenes Lob auf allen Ebenen. Die Kameraführung ist angenehm anzuschauen, und vermag durch gezielten Einsatz von Handkamera vs. Stativ-Aufnahmen die Nähe eines persönlichen Gespräches gegen den militärischen Drill der Ersten Ordnung abzugrenzen. Die Schnitte wirken pünktlich und einzig die Star-Wars-üblichen Wischblenden bleiben zu vermissen. Das Lichtspiel, insbesondere der Laserschwerte, gibt dem Film seine besondere Stimmung. Die Gewerke deren Aufgabe die Geschichtsfindung und -tiefe waren, zerschlagen jedoch all den liebevoll aufgebauten Pathos mit Leichtigkeit, als nach all den vorangegangenen Unstimmigkeiten das absolut zufällige Erwachen des Droiden R2-D2 den fehlenden Teil der Karte zu Luke Skywalker offenbart. Ein Deus Ex R2, der erneut schmerzlich darauf hinweist wie gut eine andere, ausgefeiltere Geschichte im technischen Gewand dieses Filmes aufgehoben gewesen wäre.

Weder echte Explosionen noch 35mm Film konnten Star Wars Episode VII retten. Ein guter Writer und ein wenig mehr Mut hätten es gekonnt. Mich hat der Film mit tiefer Unbefriedigung zurück gelassen.

Und Mace Windus Lichtschwert ist im übrigen pink.

Filmtitel: Star Wars Episode VII: Das Erwachen der Macht
Erscheinungsjahr: 2015
Produktionsland und Entstehungsjahrs: USA
Regisseur: J. J. Abrams
Länge: 135 Minuten
FSK: 12
Altersempfehlung: 12
Darsteller:
Daisy Ridley: Rey
John Boyega: Finn
Oscar Isaac: Poe Dameron
Adam Driver: Kylo Ren/Ben Solo
Harrison Ford: Han Solo
Carrie Fisher: General Leia Organa
Mark Hamill: Luke Skywalker
Lupita Nyong’o: Maz Kanata
Andy Serkis: Oberster Anführer Snoke
Domhnall Gleeson: General Hux
Gwendoline Christie: Captain Phasma
Peter Mayhew: Chewbacca
Anthony Daniels: C-3PO
Kenny Baker: R2-D2