Lieber Günter Grass,

ich hab dich gern.
Ich habe mir nie etwas aus Texten von dir gemacht, sie nicht gelesen, keine Verfilmungen gesehn, und mich auch sonst nicht um dein Leben oder deine Existenz im Allgemeinen geschert.
Jetzt bin ich jedoch der Meinung, es sei an der Zeit, sich einmal namentlich vorzustellen. Hallo, ich bin Lara, und im Gegensatz zum Rest der Welt mag ich dich.
Versteh mich nicht falsch. Ich kenne dich als Person nicht, und werde dir auch keinen Heiratsantrag machen, keine Sorge. Aber ich scheine mit einer seltenen Begabung geboren zu sein.
Ich kann lesen.
Es erscheint mir zweifelhaft, wie es möglich ist, dass so viele Menschen schreiben können, ohne vorher des Lesens mächtig zu werden, aber die Tageszeitungen der letzten Tage liefern einen eindeutigen Beweis.
Da lese ich von geschürtem Hass, von SS-Uniformen und anderen Frechheiten, die sich die Leute so herausnehmen, wenn sie der Meinung sind, ein geeignetes Opfer für all ihren Ärger gefunden zu haben. Ich frage mich jedoch – worüber regen die sich auf? Auf der Suche nach einer Antwort kam ich auf die simple Lösung – sie können nicht lesen. Wenn man aus einer kritischen Haltung zu internationalen Geschehnissen Antisemitismus herausliest, dann kann das kaum einen anderen Grund haben. Oder vielleicht haben sie auch alle ein anderes Gedicht gelesen als ich? Hast du in letzter Zeit noch eins geschrieben, von dem ich nichts weiß? Eins, wo du die Vernichtung aller Juden oder den Einsatz von Massenvernichtungswaffen über Israel einforderst vielleicht? Denn wenn ich lese, was die sogenannten Journalisten, Autoren und andere Leute, die sich für wichtig halten, da so von sich geben, liegt dieser Schluss nahe.

Ich möchte ein wenig deutlicher werden. Aus den Zeilen von ‚Was einmal gesagt werden musste‘ Antisemitismus heraus zu lesen, ist, mit Verlaub, der größte Schwachsinn, der mir je untergekommen ist. Und, darauf kannst du dich verlassen, als Kind des Internets ist mir schon so einiges an Schwachsinn untergekommen.

Lass dir also gesagt sein, lieber Günter Grass, lass dich von diesen funktionalen Analphabeten nicht ärgern. Sie werden das noch oft versuchen. Aber glaube mir – es wird immer Menschen geben, die lesen können.
Und selbst wenn all dieses Geknurre und Gegraule berechtigt sein sollte, du im Geheimen ein fieser, böser Nazi bist, die Interpretation der FAZ bis ins Detail mit deinen Gedanken übereinstimmen – dann bist du immer noch ein Mensch.

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3 Antworten to “Lieber Günter Grass,”

  1. nicci Says:

    Danke für diesen Beitrag!

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